2020 Grusswort zur neuen Dekade

Die Jahreslosung 2020

Liebe Mitglieder und Freunde von San Mateo,
„Warum hat Gott Jesus am Kreuz nicht geholfen?“, fragte mich vor kurzem im Religionsunterricht ein Mädchen aus der ersten Klasse. Die Frage kam ohne Zusammenhang zum Thema, das wir gerade behandelten, aber ich wusste, dass sie diese Frage beschäftigte. Denn die Mutter hatte mir, als wir uns beim diesjährigen Weihnachtsbasar trafen, unter anderem erzählt, dass sie in den Sommerferien in einer Kirche waren, in der der Kreuzweg Jesu in allen Einzelheiten mit besonders vielen Wunden und Blut sehr „echt“ dargestellt war. Ihre Tochter wäre danach ganz verstört aus der Kirche herausgekommen und hatte die „Warum-Frage“ gestellt.
Ich fühle mich dem Mädchen mit ihrer Warum-Frage sehr nahe. Ja, wie soll ich das auch verstehen?! Ich glaube an einen Gott, der die Liebe ist, aber der gleichzeitig seinen Sohn Jesus am Kreuz nicht hilft? Es gibt immer wieder Dinge im Leben, bei denen ich mich sehr hilflos fühle. Wenn ich sehe, wie in Australien ganze Landstriche in Windeseile vom Feuer zerstört werden. Wenn ein guter Freund an Krebs erkrankt und innerhalb eines Jahres stirbt. Oft genug liegt zwischen dem, was aktuell ist und dem was gut und schön wäre, so einiges Schwere im Wege:
– Ein kopfschüttelndes „das geht nicht”
– So eine wegwerfende Handbewegung, gefolgt von „das schaffst du nicht”
– Der Seufzer „das klappt doch nie”
– Die nüchterne Feststellung „dafür fehlen uns leider die Mittel oder Fähigkeiten.”
So viel liegt da zwischen mir und meinen Hoffnungen.
Wenn man das alles beseitigen könnte…. – wie mit einer großen Schaufel alles das wegräumen! Bahn frei durch den Glauben an Gott!
Aber, wer sagt denn, dass im Glauben 100% das Ideal sind? Wo steht das denn geschrieben? Die Jahreslosung für dieses Jahr 2020 sagt mir da etwas ganz Anderes! „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Der Evangelist Markus erzählt uns, dass da ein Vater mit seinem schwer kranken Kind – ziemlich verzweifelt – und nur mit wenig Zuversicht zu Jesus kommt. “Wenn du kannst, dann hilf uns”, sagt er zu Jesus. Jesus gibt die Frage irgendwie zurück “Was heißt, hier: wenn du kannst. Alles ist möglich, dem der da glaubt!” Darauf antwortet der Vater “Ich glaube, hilf meinem Unglauben!”
Wieviel Prozent Glauben stecken in so einem Satz? 40%, 20%, nur 0,1% oder gar 0, 01%? Der Vater spürt wohl selbst: Ja, da ist schon Glauben und Vertrauen in mir, aber das erscheint mir so wenig im Vergleich zu all den Ängsten und Zweifeln, die ich habe. Damit kann ich nun mal wirklich keine Berge versetzen.
“Ich glaube, hilf meinem Unglauben!” – Und nun das wunderbare: Jesus sieht das bisschen Glauben, das in diesem Vater steckt, und stört sich nicht daran, dass da noch ganz viel Luft nach oben wäre. Nicht das “könnte, hätte, müsste” ist das, was zählt, sondern das, was an Sehnsucht und Hoffnung da ist, und sei sie noch so mickrig.
Wie bin ich froh, dass für Jesus, nicht meine Zweifel und meine Angst zählen, sondern allein das kleine oder große bisschen Glaube, das in meinem Menschenherzen wohnt. Dass Jesus nicht auf das achtet, was fehlt, sondern das wahrnimmt, was da ist. Es gibt ja diesen Streit, ob ein habgefülltes Glas halbVOLL oder halbLEER ist. Mal ist mein Glaubensglas voller, mal ist es leerer. Aber immer ist Wasser drin – Glaube. Und es wird auch immer was anderes drin sein, Manchmal gesellt sich zu meinem Glauben so einiges dazu: Offene Fragen. Zweifel … Zweifel an der Macht Gottes, oder auch Zweifel an mir selber. Angst, was die Zukunft bringt.
„Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten“, hat Karl Rahner einmal gesagt.
Viele frommen Leute und Theologen haben sich mit der Kehrseite des Glaubens auseinandergesetzt. Die Worte waren unterschiedlich: Vom Zweifel haben sie gesprochen, von Anfechtungen, von Skepsis, der Mystiker Johannes vom Kreuz hat von der „dunklen Nacht“ gesprochen, die zu seinem Glauben dazugehörte. Martin Luther sah sogar eine dunkle Seite an Gott selber. Er sprach vom „offenbarten“ und vom „verborgenen Gott“, nämlich von dem, der uns unbegreifliche Dinge wie Leid und Schmerz schickt. Theologen der so genannten „Aufklärung“ versuchten die Skepsis vernünftig zu erklären und vernünftig zu bearbeiten, zum Beispiel durch Gottesbeweise. Und der dänische Theologe Sören Kierkegaard sprach davon, dass das Leben mit seinen Widersprüchen doch im Grunde „absurd“ ist und dass der Glaube einfach den „Sprung“ wagen muss, gegen alle Vernunft. Die Spannung zwischen Glauben und Unglauben lässt sich nicht überwinden. Dem Glauben und dem Unglauben ist die Sehnsucht nach Gott gemeinsam. Sie lässt sich nicht nach einer Seite auflösen. Oder wohl erst dann, wenn wir bei Gott in der Ewigkeit angekommen sind.
Wie bin ich froh, dass ich in meinem Leben schon immer Menschen begegnet bin, die meine Zweifel und Fragen ernst genommen haben. Die auch mal gesagt haben, ja – das verstehe ich auch nicht, aber das gehört auch zum Glauben, dass ich nicht alles verstehe. Menschen, die mir gezeigt haben, dass Glaube und Unglaube immer Hand in Hand gehen, sie liegen ganz nah beieinander.
Wie bin ich froh, dass ich in diesem Jahr mit der Jahreslosung daran erinnert werde, nicht zu verzweifeln an dieser Spannung. Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
Die Geschichte aus dem Markusevangelium wird als eine Wundergeschichte erzählt. Jesus heilt den kranken Sohn. Die Hoffnung, die Erwartung des Vaters wird erfüllt. Ein Wunder, an das keiner mehr glaubte, am wenigsten der Vater. Dafür, dass ein solches Wunder passiert, haben wir keine Garantie. Auch wenn wir den Sprung wagen, auch wenn wir voller Vertrauen Entscheidungen treffen, wissen wir nie, ob sie heilsam sind oder schmerzhaft enden.
Die Jahreslosung ist somit keine Garantie auf Wunscherfüllung. Wie es auch beim Gebet niemals um eine Wunscherfüllung geht. Aber die Kraft, ganz auf Gott zu vertrauen, die Bitte um sein Erbarmen verändert das Leben. Diese Kraft hilft uns, unsere ganze Existenz in Gottes Hand zu legen. Sie ermöglicht uns, dass wir unser Leid, unseren Schmerz, unsere Enttäuschungen nicht auf andere Menschen projizieren müssen, dass wir uns selbst nicht dafür strafen müssen. Diese Kraft ermöglicht uns, barmherzig mit uns selbst und mit anderen zu sein, weil Gott mit uns barmherzig ist und weil wir sein Erbarmen erbitten können.
Wenn Sie im kommenden Jahr ein Zeichen von Gott ersehnen, dann wagen Sie, die Worte des Vaters mitzusprechen: "Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!" Vielleicht leise im Herzen, vielleicht aber auch laut. Irgendwo unterwegs in einem stillen Innehalten. Zu Hause mit einer brennenden Kerze. Oder gestärkt durch die gottesdienstliche Gemeinschaft mit anderen Menschen, die auch zu Gott rufen und sich von Gott rufen lassen wollen. "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!"
Manchmal braucht es nicht mehr, als dass wir einstimmen in diesen Ruf des Vaters des kranken Sohnes, damit wir Kraft und Mut für unser Leben bekommen. Diese Kraft und diesen Mut wünsche ich uns allen für dieses Jahr.
Christhild Grafe